Die Grenzen des finanziellen Wachstums – Mein Manifest zum Kurswechsel

Der „global financial footprint“, unser weltweiter finanzieller Fußabdruck, ist 25mal größer als die Erde vertragen kann. Ich bin gegen Finanzwaffen. Ich bin für gut leben statt mehr haben. 

Wer hätte das gedacht - die New York Times veröffentlicht meine Meinung zur Finanzkrise. Jeder kann es in die Weltpresse schaffen. Ich weiß, es klingt naiv und vielleicht ist es das ja auch. Aber: Man muss nicht berühmt oder mächtig sein, um wahrgenommen zu werden. Wie war das mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings? Jeder kann etwas bewegen. In einer Demokratie erfordert das wenig Mut. Man muss nur tätig werden. In Autokratien riskiert man sein Leben.

Und nun erläutere ich mein Zitat in der New York Times: "Ich habe kein Problem mit dem Kapitalismus. Aber das Finanzsystem ist zutiefst unethisch geworden. Wir sollten Bürger statt Banken retten."

Was ist das Problem?

Der Wert der 2010 weltweit gehandelten Aktien und Bonds betrug 61 Billionen Euro (B€), außerbörslich gehandelte Finanzderivate 424 B€, das Volumen der Devisengeschäfte 674 B€ (Zahlen aus 2010 lt. Handelsblatt). Damit betragen die Summe der Derivate- und Währungs-Spekulationsgeschäfte 1098 Billionen Euro oder eine Trillion Euro oder eine Quatrillion Dollar.

Das sind 25mal mehr als die Wirtschaftsleistung aller Menschen dieser Erde: 44 B€. Der „global financial footprint“ ist also rund 25mal größer als die Menschheit braucht, um Wohlstand und Frieden zu erzeugen.

Auf Europa bezogen: Der EU-Rettungsschirm beträgt „gehebelt“ (siehe hierzu: Spekulanten könnten Rettungsschirm sprengen) rund 1 Billion Euro. Die EU-Schulden dagegen fast 10 B€. Bei einer EU-Wirtschaftsleistung von rund 12 B€ in 2010.

Da hilft kein gehebelter 1 B€ Rettungsschirm, noch dazu wenn größte Teil des Schirms mit den "Finanzwaffen" funktioniert, die uns reingeritten haben.Dazu ist offensichtlich kaum abschätzbar, ob - beispielsweise - die Griechen und Italiener den Verzicht auf Wohlstand durchhalten und die Chinesen, Banken und Spekulanten durch Verzicht auf Gewinn und Vermögen mithelfen oder nicht sogar selbst ins Straucheln geraten. Und das ist sowohl eine Frage des Wollens, siehe Berlusconis Gefühlslagen, als auch eine Frage des Könnens angesichts drohender Rezession

Wird das Prinzip der solidarischen Hilfe und des freiwilligen Maßhaltens funktionieren? Menschen traue ich das zu.

Das heutige System "Geld und Gewinn" ist jedensfalls nicht nach dem Prinzip solidarischer Hilfe angelegt. Es funktioniert nach dem Prinzip "Leistung und Gegenleistung". Und das richtig Gefährliche dabei ist: Dieses 1000 Billionen Euro Finanzkarussel ist in Händen ein paar weniger Leute: Die Bank of America hält zum Beispiel mit 1,55 B€ Bilanzsumme Derivate im Wert von 52 B€. Die Bank of America-Banker spekulieren also mit 33 mal mehr Geld als sie Vermögenswerte haben. Das ist doch mal ein guter Hebel. Man stelle sich einfach vor, ein Bürger hat ein Haus im Wert von 100.000 Euro und an den Finanzmärkten hält er 3,3 Millionen € spekulative Finanzanlagen. Wie lange wird er sein Haus noch haben? Die HRE verrechnet sich schnell mal um 55 Mrd. Euro. Und die PIMCO, der weltgrößte Fondund Anlageberater der weltgrößten Versicherung Allianz AG verwaltet 1000 Milliarden (1 B€) Anlagevermögen. usw. usw.

Das nenne ich Finanzfeudalismus ohne Anstand und Durchblick. So eine Art „unethical financial governance“ mit „weapons of massive financial destruction“ - um mich in Worten von Warren Buffet auszudrücken.

An der Stelle ein Hinweis für alle stattlichen Überwachungsorganisationen: Ich bin Bürger. Und da ich in einer Demokratie lebe: euer Souverän. Also überwacht bitte nicht den Überbringer der Nachricht, sondern den, der den Drücker an diesen Finanzwaffen hat. Das denkt wohl auch der CDU-Volksvertreter Wolfgang Bosbach. Oder zumindest fühlt er es - genauso wie die Leute von der Occupy-Bewegung

Die Auslöser dieser ungehemmten finanzwirtschaftlichen Spekulation ohne Nutzen für 99% der Bürger und die Nutznießer möglicher "Kollateralschäden" (Verlierer, Pleiten, Inflation, Deflation, Sozialabbau, Wirtschaftskrise, Streit, Widerstand, Krieg etc.) werden es spätestens dann verstehen, was das Problem ist, wenn die gigantische globale Finanzblase platzt und Sie selbst als Opfer auf der Strasse stehen - und mit uns 99% anderen Bürgern über Fairness und soziale Absicherung verhandeln.

Eine andere Sichtweise ist: Die weltweite Wirtschaftsleistung beträgt 44 Billionen Euro (in 2010). Und der Wert der in 2010 weltweit gehandelten Aktien und Bonds betrug 61 Billionen Euro.

Das macht schon eher Sinn. Eine Wirtschaft, die für die Bürger Waren und Dienstleistungen produzieren soll, bevor diese die Rechnung bezahlen, braucht Kapital. Ob Eigenkapital oder Fremdkapital. Jedenfalls Kredite von Bürgern oder Banken. Und damit ist klar, der Kreditmarkt, auch Giralgeld genannt, ist notwendig und dessen Wert muss in etwa dem der Realwirtschaft entsprechen und er ist somit auch abgesichert durch unser aller Leistung und Vermögen. Das ist sinnvolle Spekulation. Das ist Unternehmertum – transparent, solide, stabilisierend, aber auch Risiken eingehend, scheitern könnend. Über „Scheitern“ sprach gestern vor 1000 Gründungswilligen bei der Stiftung Entrepreneurship des Prof. Faltins auch Sascha Lobo: „Scheitern können heisst frei sein“. Das ist einwichtiger Hinweis für eine freie Marktwirtschaft oder auch freie Staaten. Deswegen bin ich für die Möglichkeit einer geordneten Insolvenz - gleich ob für Unternehmen, Menschen oder Staaten. Für Staaten fehlt diese Möglichkeit noch bzw. wird im Rahmen des EU-Rettungsschirm gerade mehr schlecht als recht organisiert.

In einem sinnvollen Markt sind die Geschäfte in Bilanzen und Börsen nachvollziehbar, werden Monopole und Korruption nicht zugelassen, werden deren Vorläufer Marktmacht und Lobbykratie demokratisch entmachtet und die Verlierer durch ein Insolvenzrecht wertschätzend aufgefangen. Sie dazu auch Prof. Dr. Paul Kirchhoff: Die Gefährdung staatlicher Souveränität durch die Finanzkrise.

Gegen einen sinnvollen Kapitalismus habe ich nichts. Gegen kapitalistische Risiken habe ich auch nichts. Ich spekuliere jeden Tag – als Mensch, dass andere Menschen mir helfen, gut zu leben – als Unternehmer, dass ich morgen noch handlungsfähig bin. Als Egoist, dass ich morgen mehr habe als heute. Als Altruist, dass ich morgen noch mehr für andere tun kann als heute.

Und was machen wir jetzt?

Meine Vorschläge zur Behebung der Krisen und der Gestaltung einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft sammle ich in dem von mir initiierten Kulturimpuls Innovative Mitte. Daraus nun Vorschläge zur Finanzkrise:

Entweder regulieren wir die Finanzmärkte so, dass sie der Menschheit und nicht nur wenigen machthabenden Menschen oder Staaten dienen. Darum bemüht sich die EU mit der EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID. Hört, hört. Da tut sich was! Und deswegen haben auch die USA und die Briten Probleme beispielsweise mit der Finanztransaktionssteuer. Sie leben nun mal auch davon, dass es diese nicht gibt. Oder glauben das der Lobbykratie. Regulierung ist aber nichts anderes als zweite Prinzip der Gegenseitigkeit - das der solidarischen Hilfe, durch Verträge abgesichert.

Oder wir nehmen als Bürgergemeinschaft dem privat betrieben Finanzmärkten ihr Spielgeld - also das selbst geschöpfte Giralgeld - weg, indem wir es nur noch demokratisch schöpfen lassen, d.h. nur noch durch die unabhängige Bundesbank erzeugen und verteilen lassen. Und es damit genauso behandeln wie Gesetzgebung (Legislative), Rechteverwaltung (Exekutive) oder Rechtsprechung (Judikative). Diese Art der Geldschöpfung beschreibt z.B. Joseph Huber in seinem Buch „Geldschöpfung in öffentlicher Hand: Weg zu einer gerechten Geldordnung im Informationszeitalter“. Es wäre das Ende einer 500-jährigen Tradition fraktionalen Bankings, eine 100% Mindestreserve - siehe dazu ein Youtube-Video.  

Ich nenne das demokratische Geldschöpfung. Genauso wie die Menschenrechte und die Menschlichkeitfür mich eine demokratische Wertschätzung sind.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Solche Überlegungen folgen dem dritten Prinzip der Gegenseitigkeit - dem der universellen Wertschöpfungsdividende. Dem Gedanken, das jeder Mensch zum Erfolg aller etwas beiträgt und deshalb jedem Menschen als Geburtsrecht einen Anteil am "Weltvermögen" zugestanden wird. Die UN fordert das auch

Ich kenne dabei die Angst, dass so etwas nicht funktionieren wird oder finanzierbar ist. Aber diese Sorgen gab es immer, wenn Menschen mit neuen Ordnungssystemen konfromntiert waren oder nicht glauben können, dass sich der Mißbrauch einer Idee in vertretbaren Grenzen halten lassen. Aber es geht - auch das zeigt die Erfahrung. Außer man erklärt eine Idee zur allumfassenden Weisheit und Problemlösung. Dann sind einem die Augen für das rechte Maß verschlossen. 

Heute sagt der Volksmund "Geld regiert die Welt" – und er weiß, warum er das sagt. Morgen sollte er selbstbewusst sagen können: "Das Geld gehört uns Allen - und wir haben es so verteilt, das die Würde gewahrt und Chancengerechtigkeit ermöglicht ist"! 

Lasst uns daher auch das gemeinsame Erbe der Menschheit "Geld" (siehe dazu auch Max-Planck-Instutut für Gemeingüter) nicht als "Niemandsland" jedermanns privatem Gewinnstreben aussetzen, sondern so in Besitz nehmen lassen, demokratisch legitimiert, dass dessen Bewirtschaftung der Menschheit und der Zukunft der Menschen und dieser Erde dient: demokratisch geschöpft. als Gemeingut verwaltet. von allen wertgeschätzt. die Natur bewahrend.

Das letztere - Natur bewahren - dürfen wir bei aller Sorge um die ökonomische Stabilität und Gerechtigkeit nicht vergessen. Denn auch unser aller "oecological footprint", der ökologische Fußabdruck ist zu groß. 

Ob die heutigen Systeme uns aus den ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Krisen führen ist fraglich. Dem Menschen traue ich zu, das einvernehmlich zu organisieren.Deshalb bin ich für einen Kurswechsel, eine Überarbeitung der Rechte und Regeln unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems.

Jeder kann etwas tun für eine gerechte und nachhaltige Welt. Und genau das ist die Lösung. 

Es geht um gut leben statt mehr haben

Veröffentlicht im November 2011

Herbert Haberl